Allgemein, Strategie

Ebenen der digitalen Souveränität

Auf welchen Ebenen sollte die EU im digitalen Bereich Souveränität erreichen?

Aus meiner Sicht gibt es folgende Problemkreise:

  1. Hardware: Computerkomponenten wie Speicherchips, CPUs, physische Netzwerkkomponenten (Router etc)
  2. Software: Betriebssysteme (zB Windows vs Linux), Netzwerk-und Security-Software (zB Firewalls, IDS, IPS, etc.), Business Applications (zB D365 vs SAP), Anwendersoftware, Verschlüsselung
  3. Services: Zahlungsdienstleistungen wie Kreditkarten (Issuer und Acquirer), Clouds und KI, Medien generell und Social Media im Speziellen

Ad 1) Alleine die Situation am Markt für DRAM-Speicher … jeder, der in letzter Zeit DRAM-Riegel benötigt hat, oder einen neuen Computer kaufen wollte, hat es wohl am Preis gemerkt, dass der Markt hier von einigen wenigen Playern beherrscht wird – und zwar absolut (Samsung mit 38% Marktanteil, SK Hynix mit 29%, Micron Technology mit 22%, CXMT mit 8%). Ähnliches gilt für CPUs (Intel mit 65%, AMD mit 30% und Apple mit 5%) und Grafikkarten (NVIDIA mit 90%, AMD mit 8% und Intel mit 1%). Bei den Motherboards sieht es nicht ganz so triest aus, wenngleich dort auch wenige Hersteller vorherrschend sind.

Dieser Zug, denke ich, ist abgefahren. Die Absicht hier eigene Produktionsstätten hochziehen zu wollen, würde zu Recht nur belächelt werden. Die notwendigen Investitionen wären enorm und der technologische Vorsprung der etablierten Marktteilnehmer einfach riesig. Die einzige Chance hier etwas zu bewirken, wäre eine Verteilung der Beschaffung auf mehrere Hersteller und dike Schaffung offener Hardwarearchitekturen, um technisch begründete Abhängigkeiten aufzulösen oder zu reduzieren.

Ad 2) Im Softwarebereich sieht die Lage etwas weniger dramatisch aus bzw ist hier die Möglichkeit gegeben, rasch aufzuholen und die Dominanz von Unternehmen wie Microsoft zu brechen.

Im Serverbereich ist Linux generell schon länger stark positioniert (ca 70% Marktanteil) gegenüber Microsoft (ca 20% Marktanteil). Der Trend geht mittlerweile auch bei institutionellen Kunden immer öfter Richtung Open Source Betriebssystem. Selbst Hersteller von speziellen Softwareprodukten wie Systematic A/S, die bisher ausschließlich auf Microsoft gesetzt haben, tragen dem Trend Rechnung und passen ihre SitaWare-Produkte mittlerweile für Linux und PostgreSQL (anstatt MSSQL-Server) als DBMS an.

Für Desktop-Computing gibt es für so gut wie jedes Stück Software unter Windows eine entsprechende Lösung auf Linux. Die Hardwareunterstützung durch Linux hat sich über die letzten zehn Jahre maßgeblich verbessert. Es ist also eher eine Frage der User-Akzeptanz als der Verfügbarkeit. Einzig einige Zocker werden für spezielle Spiele wohl auf Windows bleiben müssen, wenn diese nicht auf Linux mit Wine funktionieren.

Die aktuelle Strategie Microsofts, dem Nutzer Cloud- und KI-Services aufzudrängen, wird immer mehr Widerstand entgegen gebracht – vor allem auch aufgrund von Themen wie Wirtschaftsspionage, Datenschutz und Privatsphäre. Die Rechtslage für Daten von der EU und deren Speicherung und Verwendung ausserhalb der EU ist zwar großteils geregelt, aber die Beliebigkeit der Einhaltung durch staatliche Institutionen befeuert die Entwicklung hin zu digitaler Souveränität.

Ad 3) Im Service Bereich hat die EU dringenden Nachholbedarf. Es kann nicht sein, dass Menschen keine Kreditkarte nutzen können, nur weil ein Präsident diese Person nicht leiden kann. Das mag im Land dieses Präsidenten durchsetzbar sein, sollte es aber in anderen Ländern nicht sein (siehe dazu den Artikel im Standard vom 26.11.2025 von Peter Zellinger mit dem Titel „Digitale Auslöschung: Wie US-Sanktionen einen europäischen Richter lahmlegen“).

Diese Vorgehensweise ist absolut inakzeptabel und muss von der EU schnellstmöglich durch geeignete Schritte verunmöglicht werden!

Des Weiteren besteht darüber hinaus die Möglichkeit, dass die gleiche Herangehensweise auch für mißliebige Unternehmen oder Staaten herangezogen wird. Ein Beispiel: Wenn die USA Grönland annektieren wollen, könnten sie im Vorlauf dazu Microsoft anweisen, für ganz Dänemark Support und Updates von allen Microsoft-Produkten einzustellen. Dadurch würden sich Sicherheitslücken in allen entsprechenden Systemen auftun, die nicht nur den dänischen Bürger betreffen, sondern auch das Militär, die Gesundheitsversorgung, etc. Man stelle sich ein Krankenhaus vor, in dem die MSSQL-Server von einem Tag auf den anderen nicht mehr funktionieren, weil es dem US-Präsidenten nicht in den Kram passt …